Arbeit ist das halbe Leben

Mai 2018

...naja, nicht ganz, aber immerhin rund ein Viertel unserer Lebenszeit wenden wir für die Arbeit auf, hat das Statistische Bundesamt festgestellt. Da wäre es wünschenswert, dass wir gerne zur Arbeit gehen und sie als sinnvollen, bereichernden Teil unseres Lebens verstehen. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach – und doch machbar, wie wir erfahren haben.

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Arbeitszeit ist Lebenszeit und genau das sollten wir uns öfter mal vor Augen führen. Denn die Zeiten, in denen der Beruf einzig und allein zum Geldverdienen da war, sind heute vorbei. Der Grund: Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen immer mehr (zumindest in den meisten Branchen). Zudem ist es heute, anders als früher, eher unüblich, vom Zeitpunkt nach der Ausbildung bis zur Rente genau den gleichen Beruf auszuüben – geschweige denn das gesamte Arbeitsleben in ein und derselben Firma zu verbringen.

Ein Begriff, der einem bei dieser Thematik zwangsläufig in den Sinn kommt, ist die in den vergangenen Jahren immer öfter diskutierte „Work-Life-Balance“, also ein Zustand, in dem Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang stehen.

Der Begriff setzt voraus, dass der Beruf für sich steht und abseits des restlichen Lebens passiert. Doch ist das überhaupt noch zeitgemäß? Glaubt man Experten, ist diese Denkweise problematisch. Denn wenn man durchschnittlich acht Stunden täglich am Arbeitsplatz verbringt, sollte diese Zeit auch Lebensqualität beinhalten, so Pia Schaf, Gründerin der Modern Life School, in deren Kursen und Workshops es um Inspiration, Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung geht. Auch Mark Poppenborg, Gründer des Netzwerks intrinsify.me und Experte für zukunftsfähiges Arbeiten, meint: „Es geht eben nicht darum, Arbeit bestmöglich auszugleichen. Es geht vielmehr darum, die Arbeit selbst als sinnhaft zu empfinden.“
Genau an diesem Punkt scheint jedoch ein Problem zu liegen, denn laut einer Erhebung der privaten FOM Hochschule Frankfurt am Main ist fast ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung unzufrieden. Mehr als jeder Dritte fühlt sich nicht richtig gefordert, sprich unterfordert. Die Studie zeigt auch, dass nicht die materielle Ausstattung (Gehalt und Sozialleistungen) Grund für diese Unzufriedenheit ist.

Menschen wollen in der Regel etwas bewirken, etwas Sinnvolles tun, etwas bewegen, Teil eines großen Ganzen sein. Fehlt diese Sinnhaftigkeit im Job, geht meist auch ganz schnell die Motivation verloren.

Und wie kann man diese (zurück-)gewinnen? Arbeitgeber können durch Transparenz, Mitbestimmung und Wertschätzung dazu beitragen, sagt Lena Wittneben, die Eventprogramme für Unternehmen anbietet. Ganz besonders wichtig ist auch Kommunikation. Und diese beginnt, ganz einfach, beim Loben. Es gibt nämlich kaum etwas Motivierenderes als die Wertschätzung der eigenen Arbeit. Auch das Auflockern eingerosteter Strukturen und Herangehensweisen kann beflügelnd wirken. Und was kann man selbst tun, wenn man bemerkt, dass die Motivation über einen längeren Zeitraum fehlt? Wir haben darüber mit Job-Coach Katja Schlömer gesprochen. Mehr dazu erfahren Sie im Interview etwas weiter unten.

Ein zweiter wichtiger Aspekt, der nicht übersehen werden darf: ­Zwischenmenschliche Erfahrungen entscheiden über Glück oder Unglück am Arbeitsplatz. Sprich, wer sich mit den Kollegen und dem Chef gut versteht, kommt auch gerne zur Arbeit. Und ein Mensch, der sich wohlfühlt, arbeitet produktiver und erlebt seine Arbeit als sinnhaft und bereichernd. Genau hier liegt der Schlüssel für ein zufriedenes (Arbeits-)Leben: Sorge dafür, dass du dich richtig wohlfühlst – und das gilt sowohl für die Arbeit an sich als auch für das Betriebsklima. Letzteres können Sie selbst entscheidend positiv beeinflussen.

Hier kommen ein paar passende Ideen – probieren Sie sie doch einfach mal aus!

  • 1

    Schaffen Sie eine angenehme Raum­atmosphäre. Pflanzen, Bilder oder ein gemütlicher Sessel am Arbeitsplatz, wenn möglich, oder im Aufenthaltsraum können beim kurzen Ausspannen helfen.

  • 2

    Auch gesunde Snacks, wie Obst oder Nüsse, sowie guter Kaffee und Tee wirken sich positiv auf die Stimmung aus und sorgen für einen kleinen Energiekick zwischendurch.

  • 3

    Achten Sie darauf, regelmäßig zu lüften, denn frische Luft belebt und steigert die Laune.

  • 4

    Gemeinsame Rituale und Unternehmun­gen fördern interne Bindungen. Das kann sowohl eine Yogaeinheit oder eine Chorstunde in der Woche sein als auch das gemeinsame Hintrainieren auf einen Firmenlauf.

  • 5

    Nehmen Sie sich trotzdem Zeit für sich selbst, zum Beispiel in der Mittagspause: Nutzen Sie diese einfach mal für einen kleinen Spaziergang, um abzuschalten.

    Pst! Weitere Tipps, die Ihnen den Arbeits­alltag versüßen, finden Sie hier!

    Und das sagt die Expertin:
    Interview mit Job-Coach Katja Schlömer
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    Wie werde ich zu einem zufriedenen Teil der arbeitenden ­Bevölkerung?
    Kennen Sie die Werte, die Ihnen wichtig sind! Wenn Sie sich selbst beantworten können, welche Werte Ihren Job besonders machen, können Sie sich diese auch in Zeiten des Zweifels immer wieder hervorholen und abgleichen. Natürlich können sich Ihre Werte auch verändern, so wie sich auch Ihre Bedürfnisse Ihren Lebensphasen immer wieder anpassen. Denken Sie daran: Alleine das Wertebewusstsein hilft uns bereits, zufrieden im Job zu sein beziehungsweise Probleme aktiv zu verändern.

    Was tun, wenn mir dauerhaft die Motivation im Job fehlt?
    Auch hier hilft ein Blick auf Ihr Wertebewusstsein: Was war Ihnen bislang im Job wichtig und was ist Ihnen aktuell wichtig? Was hat sich eventuell verändert? Nehmen Sie sich Zeit zu reflektieren und richten Sie anschließend einen Blick nach vorne: Was möchten Sie gerne in Zukunft erreichen? Welche Werte sind Ihnen in Zukunft wichtig? Was könnten nächste konkrete Ziele sein (zum Beispiel neue Aufgaben, Weiterbildung et cetera)?

    Wann sollte ich über einen Jobwechsel, eventuell sogar eine Umorientierung, nachdenken?
    Hier kann es grundsätzlich helfen, die eigene Life-Balance zu kennen: Was brauchen Sie im Berufs- und Privatleben, um glücklich zu sein? Welche Bedürfnisse werden privat und welche beruflich erfüllt? Wenn Sie wissen, was Sie von Ihrem Job erwarten können (und was nicht), fällt es oft leichter, grund­sätzliche Entscheidungen, wie beispielsweise eine berufliche Umorientierung, zu treffen.

    Und die Kollegen? Wie verhalte ich mich richtig, wenn ein Kollege meine Arbeit untergräbt oder sich unkollegial verhält?
    Mein Tipp: Halten Sie den Kommunikationsweg so kurz wie möglich. Sprechen Sie Ihren Kollegen oder Ihre Kollegin direkt auf die Situation an. Wichtig ist es hierbei, Anschuldigungen zu vermeiden. Formulieren Sie, was Sie sich stattdessen von Ihrem Kollegen oder Ihrer Kollegin wünschen. Was können Sie beide tun, um zukünftige Situationen zu verbessern? Nehmen Sie sich zum Beispiel gegenseitig drei Dinge vor, die Sie in ­Zukunft besser machen möchten.

    Welche Tipps haben Sie für ein positives Arbeitsklima?
    Wertschätzen und loben Sie sich gegenseitig! Blicken Sie auf die positiven Kompetenzen Ihrer Kollegen und sprechen Sie diese auch ruhig laut aus. Denn: Wer freut sich nicht über ein Lob von den Menschen, die tagtäglich mit Ihnen zusammenarbeiten und Ihre Arbeit am besten kennen?