Die gute alte Zeit

Februar 2018

Die Zeit. Sie wird gerne unterschätzt. Kein Wunder, sie ist schließlich einfach da, unveränderlich – und fair verteilt. Jeder Mensch auf der Welt hat die gleiche Menge an Zeit: 24 Stunden pro Tag. Aber auch wenn wir genau wissen, wie viel wir davon haben, wissen wir oft nicht, wie kostbar dieses Geschenk ist, was wir damit anfangen sollen und was mit der Zeit alles in Verbindung steht.

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Noch immer kann ich mir klar und deutlich die Stimme meiner Oma ins Gedächtnis rufen, wie sie nach einem Sturz tröstend zu mir sagt: „Mach dir keine Sorgen, mein Kind, die Zeit heilt alle Wunden.“ Aber was genau bedeutet diese Aussage eigentlich, wie kann etwas heilend wirken, ohne dass man es überhaupt sehen oder greifen kann? Und was ist sie eigentlich überhaupt, diese Zeit?

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Rein rational gesehen, handelt es sich bei der Zeit um eine physikalische Größe, das haben wir alle in der Schule gelernt. Mit ihr lässt sich eine Abfolge von Ereignissen beschreiben. Aber im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen besitzt die Zeit eine eindeutige Richtung, die sich nicht umkehren lässt – zumindest nicht in der Realität. In Filmen oder Büchern ist es einigen Personen durchaus möglich, in die Vergangenheit zu reisen – oder rückwärts zu altern, wie zum Beispiel Brad Pitt im Film „Benjamin Button“, der im Laufe seines Lebens vom Greis zum Jüngling wird.
Spricht man eher philosophisch von der Zeit, beschreibt man das Fortschreiten der Gegenwart, aus der Vergangenheit kommend, in die Zukunft führend. Also eigentlich genau das Gleiche wie in der Physik, nur schöner formuliert.
An der Zeit ist also definitiv nicht zu rütteln. Oder doch? Orientiert man sich an den hiesigen (mitteleuropäischen) Uhrzeigern, leben Amerikaner beispielsweise tatsächlich in der Vergangenheit – sogar ganze sechs bis neun Stunden. Sie fangen quasi erst an zu arbeiten, wenn wir schon bald den Stift weglegen und uns auf den Feierabend freuen. Das liegt schlicht und einfach daran, dass die Erde eine Kugel ist und sich die Uhrzeit nach dem Sonnenstand richtet. Auf der anderen Seite unseres Planeten herrscht also einfach nur ein anderer Tag-Nacht-Rhythmus. Die Zeit bleibt die gleiche.
Wenn sie immer die gleiche bleibt, warum nehmen wir sie dann trotzdem unterschiedlich wahr? Im Urlaub, vor allem während der ersten Tage, vergeht die Zeit wie im Flug. Sitzt man im Büro, kommt einem der (Arbeits-)Tag oft endlos vor.

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Im Grunde hängt die Wahrnehmung der Zeitdauer immer davon ab, was alles in der Zeit passiert ist. Ein Zeitraum, in dem wir viel erlebt haben, erscheint uns also kürzer. Ereignisarme Zeiträume kommen uns hingegen oftmals extrem langwierig vor. Hat man keine Aufgabe, nichts zu tun, ist einem (wortwörtlich) langweilig. Paradoxerweise empfindet man die Zeiten im Rückblick genau umgekehrt. Woran das liegt? An unserem Gehirn: In ereignisreichen Zeiten hat es viele Informationen eingespeichert, so kommt einem der erste Urlaubstag abends, wenn man ihn Revue passieren lässt, doch eher lang vor – der Morgen scheint unglaublich weit weg.

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Aber nicht nur das ist paradox, auch die Tatsache, dass wir uns überhaupt langweilen, müsste uns eigentlich wundern. Schließlich wünscht sich doch fast jeder mehr Zeit. Mehr Zeit mit den Liebsten, mehr Zeit für Sport, mehr Zeit zu reisen, einfach mehr Zeit für die Dinge, die uns Spaß machen. Wir sind nämlich nicht nur mit der Vorstellung groß geworden, dass die Zeit alle Wunden heilt, sondern auch damit, dass wir von der Zeit, die wir haben, jeden Augenblick nutzen müssen, um glücklich zu sein und Erfahrungen zu sammeln. Unsere größte Angst? Na, dass uns die Zeit davonläuft. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass wir mit den verschiedensten Beauty Treatments versuchen, die Zeit (zumindest äußerlich gesehen) an- beziehungsweise aufzuhalten. Keiner soll uns ansehen, dass wir in der vergangenen Zeit so viel wie möglich erlebt haben. Obwohl das genau unser Ziel war. Verrückt, oder?