Dieses Jahr schenken wir uns nichts – was!

November 2017

Katrin Schlotterhose über den Druck das richtige Geschenk zu finden, mit dem man seinen Liebsten unbedingt gerecht werden muss.

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Ich bin ein Christkind. Der Tag meiner Geburt fällt auf den 26. Dezember und demzufolge war die Weihnachtszeit schon immer ein elementarer Zeitabschnitt der dahinplätschernden Jahre meiner Kindheit und Jugend. Jetzt konnte ich meine übers Jahr gesammelten und mein knappes Taschengeldbudget weit übersteigenden Sonderwünsche endlich in Form eines mühevoll designten Wunschzettels zu Papier bringen. Dann hieß es auf die Gunst dieses sagenumwobenen Weihnachtsmannes zu hoffen, der nun nur noch die quälende Frage klären musste, welchen dieser Herzenswünsche er mir erfüllen würde. Und sollte er versehentlich einmal das absolute Highlight meiner Begierdenliste übersehen, so bestand ja immer noch die Hoffnung, dass Mama und Papa eine bessere Wahl treffen würden und sich mit zweitägiger Verspätung doch noch alles zum Guten wenden würde.

„Jedes Jahr dieser Druck, das richtige Geschenk zu finden, mit dem man seinen Liebsten unbedingt gerecht werden muss.“

Das Los der Weihnachtskinder ist jedoch zumeist ein anderes, weitaus Ernüchternderes: Denn allzu oft bekam ich am Weihnachtsabend mein Paket mit dem Hinweis überreicht, dass dieses Geschenk ja nun so immens teuer gewesen sei, dass es für Weihnachten und Geburtstag zusammen reichen müsse. Selbstverständlich witterte ich Betrug, denn es gab genügend Möglichkeiten, das jährliche Geschenkeaufkommen meiner Freunde mit meinem eigenen zu vergleichen. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als mich resignierend dem Schicksal meines tragischen Geburtsdatums zu fügen. Dem gesellte sich frustrierenderweise die Tatsache hinzu, dass ich bis zum heutigen Tag noch keine wirkliche Party anlässlich meines Jahrestags gefeiert habe, da natürlich meine Bezugsgruppe ihren familiären Verpflichtungen nachkommen musste.

Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb ich mich heute frage, ob es überhaupt noch Sinn macht, sich an Weihnachten etwas zu schenken. Jedes Jahr dieser Druck, das richtige Geschenk zu finden, mit dem man seinen Liebsten unbedingt gerecht werden muss. Und sollte die erhoffte Euphorie des Beschenkten ausbleiben, stellt sich die unumstößliche Gewissheit ein, versagt zu haben. Ganz abgesehen von der eigenen Enttäuschung, wenn man wieder einmal nur unnützen Nippes auspackt und so tun muss, als wäre es genau das gewesen, was man sich schon seit Lebzeiten gewünscht hat. Mittlerweile kommt mir das alles vor wie ein gigantisches Schmierentheater, das sich ein fieser Beelzebub ausgedacht hat, um mich ganz persönlich in den Wahnsinn zu treiben. Über 14 Milliarden Euro geben die Deutschen jedes Jahr für Weihnachtsgeschenke aus, pro Kopf sind das je nach Umfrage zwischen 280 und 440 Euro. Damit liegen wir im europäischen Vergleich lediglich im unteren Drittel. Eine ungeheure Industrie ist geradezu darauf angewiesen, dass wir am Ende eines jeden Jahres unsere Portemonnaies leeren und ihre Produkte kaufen, die entweder zwei Wochen später für einen Bruchteil des Kaufpreises auf eBay verhökert werden oder ihren Weg in verstaubte Abstellräume finden. Als Nichteingeweihter würde man über dieses bizarre Ritual wohl nur müde den Kopf schütteln.

Doch mit den Jahren sickert selbst bei mir langsam die Erkenntnis durch, dass es auch irgendwie ein schönes Ritual ist, das man sich bewahren sollte, denn Weihnachten ist und bleibt einfach die emotionalste Zeit des Jahres. Die Familie kommt zusammen, herzt und begluckt sich gegenseitig und alle eint die gespannte Vorfreude auf den heimlichen Höhepunkt des Festes – die Bescherung. Seit ich mit dem Vater meines Sohnes Rio zusammen bin, ist dieses Fest des Beschenkens und Beschenkt-Werdens jedoch ein klein wenig aus dem Ruder gelaufen, denn wie der Genosse Zufall so spielt, feiern meine beiden (!) Schwiegereltern ihren Geburtstag am 25. Dezember. Um den finanziellen Absturz Richtung Dispokredit zu vermeiden, beschenken wir nun beide alljährlich mit diesem einen „großen“ Geschenk, das natürlich so wahnsinnig aufwendig und teuer ist, dass es für beide Anlässe zugleich reichen muss. Die Enttäuschung darüber hält sich in der Regel in Grenzen. Wir Christkinder wissen eben, wie der Hase läuft.

Unsere Autorin



Katrin Schlotterhose ist selbstständige Journalistin, Bloggerin und Redakteurin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin.