Gans mal ganz anders

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Dezember 2016

Jedes Jahr stellen wir uns die gleiche Frage: Was essen wir an Weihnachten? Viele Familien wollen zum Fest keine Experimente in der Küche wagen. Da werden altbekannte Rezepte herausgesucht und es kommen Traditionsgerichte auf den Tisch, wie zum Beispiel die gute alte Weihnachtsgans. In dieser Kolumne berichtet unser Autor von einer amüsanten Begebenheit aus seiner Kindheit, in der eben diese traditionelle Gans eine ganz besondere Rolle spielt.

Artikel lesen

E s sollte so schön werden. Doch dann kam alles ganz anders als gedacht … Aber der Reihe nach: Wie in so vielen Familien gibt es auch bei uns diese schöne Tradition, am ersten Weihnachtstag eine Gans auf den Tisch zu bringen. Und natürlich gibt es nur einen, der sie zubereiten kann, da dieser „Auserwählte“ das besondere Rezept von Mutter oder Vater übernommen hat. Denn, wir kennen es alle, irgendwann wird es der Elterngeneration einfach zu viel und dann müssen die Jüngeren ran. Der „Jüngere“ in unserer Familie ist mein Vater. Mit anderen Worten: Entweder er bereitet die Gans zu oder es gibt eben keine. Und dann ist da noch mein Onkel mütterlicherseits. Seit seiner Scheidung hat er die Gewohnheit entwickelt, sich regelmäßig an Weihnachten selbst bei uns einzuladen. Ich glaube, dass mein Vater das nicht so prickelnd findet – er und mein Onkel sind einfach grundverschieden.

weihnachtsgans_icv2-5e5ac3e01aebf2f9fbc3ed73241cd44e

Wie sicherlich in allen anderen Haushalten, verläuft Weihnachten auch bei uns jedes Jahr getreu dem Motto: same procedure as every year. Natürlich auch mit denselben Protagonisten – die Gans eingeschlossen. Bei genau solch einem Weihnachtsessen – wahrscheinlich waren auch ein paar Gläser Rotwein involviert – wartete mein Onkel mit einem, in seinen Augen, grandiosen Vorschlag auf: „Ihr fahrt doch immer am zweiten Weihnachtsfeiertag in die Berge. Kommt doch nächstes Jahr bereits am 24. Dezember nach München, dann machen wir es uns bei mir in Schwabing gemütlich und ich besorge uns auf dem Viktualienmarkt eine tolle Weihnachtsgans! Vielleicht haben wir ja sogar Schnee!“ Ich bemerkte, dass sich die Begeisterung meines Vaters in Grenzen hielt: War mein Onkel – seines Zeichens Ordnungsfanatiker mit Leib und Seele – wirklich bereit dazu, ein Weihnachtsessen samt Gans für die gesamte Familie auf die Beine zu stellen, geschweige denn zu kochen? Eine Gans zuzubereiten bedeutete immerhin, über Stunden hinweg eine riesen Sauerei zu veranstalten!

„Dann feiern wir Weihnachten eben mal anders!"

Ganz zu schweigen von dem nötigen Zubehör – Bräter, Zangen, schweres Gerät –, was natürlich nicht im Küchenrepertoire meines Onkels vorhanden war. Hinzu kommt, dass sich mein Vater von seiner aus Oberschlesien stammenden Mutter das Knödel-Selbermachen abgeschaut hat. Und jeder, der das schon einmal gemacht hat, weiß, was es bedeutet: ein riesiger Küchentisch (wer hat den überhaupt noch?) voller Mehl und Knödelrollen. Chaos pur! Kinder finden es toll, doch für meinen ordnungs- und sauberkeitsliebenden Onkel ist das nichts. Meine Mutter war allerdings begeistert von der Idee ihres jüngeren Bruders: „Dann feiern wir Weihnachten eben mal anders!“

Bereits auf der Fahrt nach München wirkte mein Vater etwas angespannt. Im Kofferraum klapperten Zangen und große Spieße im schwarzen Emaille-Topf. Als wir schließlich ankamen, herrschten eisige Temperaturen. Richtiger Winter, mit richtigem Schnee. Zur Begrüßung in der schicken Altbauwohnung gab es dann erst mal ein Glas Prosecco, wodurch sich die Laune meines Vaters schlagartig besserte. Wie sich bald herausstellen sollte, war dies jedoch nur von kurzer Dauer. Als ich mir nämlich eine Brezel in den Mund schieben wollte, kam mein Onkel sofort mit einem Teller angerannt, der verhindern sollte, dass ich das Parkett vollkrümelte. Eine Steilvorlage für meinen Vater, der sich sicherlich gedacht hat: „Ich brauche zwei Flaschen Rotwein beim Kochen, um das hier zu überstehen!“

„Ich brauche zwei Flaschen Rotwein beim Kochen, um das hier zu überstehen!"

Aber so weit kam es gar nicht. Gerade als mein Vater nach dem Prosecco die Gans inspizieren wollte, hörten wir vom Balkon ein tiefes Stöhnen und so etwas wie: „Das kann ja wohl nicht wahr sein!“ Die Gans war zwar fett und groß, sicherlich ein Prachtstück zu Lebzeiten – nur war sie eindeutig hinüber und roch! Mein Onkel hatte das Tier bereits vor Tagen abgeholt und, da es zu groß für den Kühlschrank gewesen war, im kalten Freien auf dem Schwabinger Balkon aufbewahrt. So weit, so gut. Beim Einkauf auf dem Viktualien­markt hatte ihm nur offenbar niemand erklärt, dass er die Ein­geweide hätte herausnehmen müssen! Da halfen auch keine Kern­seife und kochendes Wasser. Die Gans war ungenießbar und landete schließlich im Mülleimer.
Das war’s dann. Und nun? Ein, wenn überhaupt geöffnetes, nicht vollkommen ausgebuchtes Restaurant an Heilig­abend zu finden – eine schiere Unmöglichkeit. Da blieb nur eins: Pizza-Lieferservice! Bis heute ist es eine meiner liebsten Kindheitserinnerungen, wie wir alle gemeinsam mit unserer Pizza unter dem Weihnachtsbaum sitzen und herzlich über diesen misslungen Versuch lachen. Ohne Zweifel: Gans mal ganz anders!

pizzaschachtel_icv2-76933436a5d12e6b49de7ae6cd9c611f