My Body, my Castle

Januar 2018

Unsere Kolumnistin hat sich auch mit dem Thema Body Positivity beschäftigt. Ihre Meinung: Hört auf mit dem Selbstoptimierungswahn!

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Ich wohne in meinem Körper – seit 35 Jahren. Er hat bisher alle Stadien der Evolution mit Bravour gemeistert: Vom immer lächelnden, properen Baby, das ich nur noch von verblassten Fotos kenne, hin zum quirligen Kind, weiter zum unproportionierten, verpickelten Jugendlichen. Ab meinen Zwanzigern entstand dann endlich so etwas wie eine Struktur in meinem sich stetig verändernden Körperbau. Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich das transformatorische Tohuwabohu, das dieses allseits umjubelte „Wunder einer Schwangerschaft“ mit mir und meinem Körper gemacht hat. Heute lässt sich zweifelsohne feststellen: Ich und mein Körper, wir sind eine Hochleistungsmaschine. Nicht immer glänzend poliert und wunderschön anzusehen, aber dafür voller Energie und Potenzial.
Bis heute bin ich nie auf die Idee gekommen, meinen Körper in Frage zu stellen. Ob dick, ob dünn oder sogar kugelrund – er war immer mein Eigen und gab mir Persönlichkeit und Selbstbewusstsein. Er ist das Schloss, in dem ich wohne.

Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass nicht jede Frau so im Einklang mit ihrem Körper lebt, wie ich das heutzutage vielleicht tue. Und es geht auch überhaupt nicht darum, perfekt auszusehen, denn letzten Endes haben wir ja alle unser genetisch bedingtes Päckchen zu tragen. Bei dem einen ist es nur eben etwas besser geschnürt als beim anderen. Die Frage ist lediglich, wie wir damit umgehen. Denn auch als Musterbeispiel eines gelungenen physischen Gedeihens tragen wir eine gewisse Verantwortung: Voriges Jahr postete das Instagram-Starlet Dani Mathers ein heimlich aufgenommenes Foto, das eine 70-jährige Frau unter der Dusche ihres Fitnessstudios zeigte, und kommentierte deren Äußeres zudem noch abfällig. Mathers wurde daraufhin von einem Shitstorm sondergleichen heimgesucht, kurz darauf auch vor Gericht gestellt und zu Sozialstunden verurteilt. Fraglich ist, ob die Strafe eine erzieherische Wirkung hatte. Vermutlich fühlt sie sich eher als Sündenbock einer übersensiblen Gesellschaft, frei nach dem Motto: „War doch nur Spaß. Hat nur leider keiner verstanden.“ Das Schlimme ist, dass sie damit wohl gar nicht so falsch liegt. Denn während sie auf der ganzen Welt medial an den Pranger gestellt wurde, vergaß man, dass Mathers’ Verhalten exemplarisch für den allgemeinen Sittenverfall in Zeiten des Online-Mobbings steht. Der Tonfall in den Kommentarspalten von Facebook und Konsorten ist in den letzten Jahren zunehmend rauer geworden und das Bewusstsein für die Tragweite solcher Abfälligkeiten im gleichen Maß gesunken.

Aber zumindest führen uns Fälle wie dieser regelmäßig wieder eines vor Augen: Neue Vorbilder braucht die Welt! Nehmen wir beispielsweise die erfolgreiche deutsche Bloggerin Jessica Weiß: Kurz nach der Geburt ihres Sohnes zeigte sie sich im Bikini und kommentierte das Bild mit den Worten, sie habe zwar nicht die perfekten Maße, sei aber trotzdem unheimlich stolz auf ihren Körper. Und sie ist bei Weitem nicht die Einzige, die ihren Körper zur Schau stellt und sagt: „Seht her! So sehe ich aus und es juckt mich nicht die Bohne, ob euch das gefällt oder nicht.“ Die Zeitschrift Brigitte startete bereits vor einigen Jahren eine Initiative, die für viel Aufmerksamkeit sorgte: Sie begann, ihre Modestrecken nicht mehr mit professionellen Models zu bebildern, sondern engagierte ganz normale Frauen dafür. Auch wenn dieses Konzept nur drei Jahre lang aufrechterhalten wurde, sorgte der neue Ansatz doch für allgemeines Händeklatschen und Schulterklopfen. Gegenwärtig versucht Barbara Schöneberger mit ihrem Magazin, auf dem sie selbst die Cover ziert, zu mehr Selbstbewusstsein bei den „ganz normalen“ Frauen aufzurufen.

„Seht her! So sehe ich aus und es juckt mich nicht die Bohne, ob euch das gefällt oder nicht.“

Man mag sich im Einzelfall über Art und Weise von Body Positivity – so nennt sich diese Philosophie – streiten, aber eines ist sicher: Beispiele wie diese schärfen nach und nach unsere Außenwahrnehmung und tragen dazu bei, den Frauen ein positiveres Bild von sich selbst zu vermitteln. Die einzige echte Lücke, die sich innerhalb dieser Thematik auftut, betrifft Frauen über 50. Oder haben Sie bisher von einem Medium gehört, das Probleme wie Menopause, Blasenschwäche oder Hängebusen thematisiert? Warum gibt es für diese Zielgruppe eigentlich noch kein modernes Sprachrohr?

Ich finde jedenfalls, wir sollten uns alle ein wenig bremsen in unserem Selbstoptimierungswahn, der uns massenhaft in Fitnessstudios treibt, wo wir uns und unsere Körper entsprechend unserem momentanen Gemütszustand mal mehr, mal weniger quälen. Lieber mal wieder ein interessantes Buch lesen, über dessen Inhalt man sich anschließend schlaumeierisch unterhalten kann. Oder sich mit einer Packung Eiscreme aufs Sofa legen und ein paar Staffeln „Girls“ schauen. Dort kann man sich von der Übermutter der Body-Positivity-Bewegung Lena Dunham in puncto Selbstbewusstsein noch ein paar Scheiben abschneiden. Die Figur, die sie in dieser Serie spielt, spiegelt all die Ängste und Sorgen einer jungen Frau wider, die nicht dem gängigen Schönheits­ideal entspricht – trotzdem gibt sie niemals auf. Der Fall Lena Dunham ist vor allem wegen deren Rolle als Schöpferin und Autorin der ganzen Serie interessant, in der sie quasi sich selbst spielt. Damit hat sie erreicht, wovon die meisten sogenannten Influencer, die täglich danach streben, ihr Dasein möglichst glamourös und spektakulär wirken zu lassen, meilenweit entfernt sind: Sie hat all ihre Selbstzweifel und Alltagssorgen in einen großen Rucksack gepackt und diesen beim Fernsehsender HBO abgegeben, wo er eine hochwertige Verpackung bekam und sie daraufhin zu einer der einflussreichsten weiblichen Personen im amerikanischen Filmgeschäft wurde.

Frauen wie Dunham haben es eindrucksvoll bewiesen: Schönheit ist nicht gleichbedeutend mit Erfolg. Deshalb sollten wir auch dringend unsere Aufmerksamkeit verlagern, weg von den inhaltsleeren und austauschbaren Beauty- und Fitnessgirls, die sich massenweise auf Instagram tummeln, hin zu den wahren Vorbildern unserer Generation. Nur sie lehren uns, dass Body Positivity keine Worthülse ist, mit der sich jeder schmücken kann in seinem sonst so inhaltskargen Leben. Es geht um weitaus mehr: Es geht um Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und gegenseitigen Respekt – und zwar in jeder Hinsicht.

Die Autorin

Katrin Schlotterhose ist selbstständige Journalistin, Bloggerin und Redakteurin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin.